E I N E   A U S W A H L   A N   T E X T E N

AKTUELL ZUR AUSSTELLUNG AM 2./3. UND 4. NOVEMBER IN BERN (SIEHE RUBIK AKTUELL)
 
BLÄTTERN IM KOPFKISSENBUCH                                                    EXPOSEE VON IRIS GERBER RITTER 2017

Kann sein ein einzelnes Wort, Kopfkissenbuch.
Kann sein ein kurzer Satz, Was vom Himmel fällt.
Wort und Satz klingen an, irgendwo, setzen sich fest, erinnern sich selbst, bleiben bei mir, irgendwie.
Sie tun das selber, ich bin ihrer kaum bewusst, sie sind im inneren Irgendwo.
Nach unbestimmbarer Zeit kommt ihre Resonanz zum Schwingen, wecken sie Überlegungen, sind sie schliesslich bewusst. Was vom Himmel fällt sucht spielerisch Antwort und führt bald in suchende Gedanken, Antworten: Regen, Schnee, manchmal Hagel. Und weiter. Staub, Saharasand. Möglicherweise ein Flugzeug, wahrscheinlicher ein Deltaflieger. Nein, Staub nicht. Saharasand nicht, denn da ists Wind, nicht Himmel. Flugzeug nicht, denn dafür kann der Himmel nichts, und der Deltaflieger hat bloss Höhe, nicht Himmel.  - Gedankenkringel.
Manchmal ists genau zu bezeichnen, bald aber führts in abstrakte Welten. Glück? Fällt das vom Himmel? –

Eine Frau in Japan, eine Frau in der Schweiz. Sei Shonagon und ich. Eintausend Jahre, zwei Kontinente und ein Kaiserhof, eine unterschiedlich ausgerichtete Kultur und Philosophie liegen zwischen uns. Sei Shonagon schrieb ihr Kopfkissenbuch ab dem Jahr 996, mehr als eintausend Jahre sind zwischen uns.
Und doch, wenn wir, Sei und ich, uns in Schriftlichkeit gegenüberstehen, zeigt sich, dass wir ähnliche, ja vielfach gleiche Gedanken haben, von Gleichem sprechen, dass unsere Wünsche sich decken, unsere Ansichten sich ähneln, Beobachtungen sich entsprechen, trotz der eintausend Jahre seit ihrem Schreiben und jetzt meinem.

Ich liebe Listen. Sei Shonagon liebte sie auch. In meinen Gedichten finden sich einige, die sind eigentlich Aufzählungen. Sie leben, noch stärker als dies bei Gedichten generell der Fall ist, von der vom einzelnen Wort ausgehenden Assoziation, vom Mitschwingenden, von Assonanzen. Das Gedicht vollendet, oder rundet sich gewissermassen erst während des Lesens, im Kopf und der Empfindung des und der Lesenden.

Warten
Auf Bedienung im Café
Warten auf den nächsten Termin
Warten auf das sms
Auf den richtigen Moment
Warten bis das Konzert fertig ist
Warten bis Feierabend und
Auf das Kind, das sein Essen will
Warten bis du gehst
Warten bis du kommst         
Auf Post mit dem guten Bescheid
Warten bis es wärmer wird
Warten auf ein Glück
Auf den Schlaf
Warten bis das erledigt ist
Warten auf den Zug
Auf die Antwort
Warten auf Liebe
Auf die Flügel, die sie manchmal verschenkt
Warten bis die Welt vergessen geht
Warten wieder aufs Glück

An der Strasse nach Venedig
Ca’ Redenta
Ca’ Risorta
Ca’ Florida
Ca’ Speranza
Ca’ Favorita
Ca’ Feconda
Ca’ Fertile
Ca’ Romagna
Ca’ Rinascita
Ca’ Vittoria
Ca’ Imperia
Ca’ Sile
- von Venedig weg
- nach Venedig hin
Ca’ Sile
Ca’ Imperia
Ca’ Vittoria
Ca’ Rinascita
Ca’ Romagna
Ca’ Fertile
Ca’ Feconda
Ca’ Favorita
Ca’ Speranza
Ca’ Florida
Ca’ Risorta
Ca’ Redenta

Flughafengedicht
New York
Stockholm
Athen
Rom
Tel Aviv
Amsterdam
Dubai
London
Tunis
Wien
Madrid
Bangkok
Warschau
Reykjavik
Vancouver
Tallinn
Singapur
San Diego
Düsseldorf
Berlin

In Warten wird erst aufgezählt worauf gewartet werden muss, wobei das Repetitive das Gefühl der Stagnation, des Verhindert-Werdens verstärkt. Im Verlauf der Zeilen passiert eine leichte Drehung, und Warten bezeichnet eher das als fehlend Empfundene.
Ob An der Strasse nach Venedig das Drängende, Vorfreudige der Anreise anklingt, das Mühselige des Zurückreisens? Lesen wir Name um Name, den Klang geniessend oder springen wir, Tempo liebend, nach dem zweiten-dritten Namen zu den Mittelzeilen, die zweite Hälfte mehr schauend, denn lesend? Ob die klangvollen Namen die Schönheit der Palazzi evozieren, die Städtenamen im Flughafengedicht Klang und Resonanz, ein diffuses Vibrieren auslösen von Sehnen und Erinnern, Vergessen und Freiheit?
Reduktion auf einzeln hingesetzte Worte, wie die Lyrikerin Christine Busta schreibt: Entdeckung/Sag: Grasnarbe./Sag es langsam./Du sprichst ein vollkommenes Gedicht. Worte einzeln, oder geschichtet zu Listen. Listen öffnen, weil sie verschiedenste Dinge aufführen, ohne sich um Zusammenhang oder Einheitlichkeit zu kümmern. Bedeutungen springen, jedes Wort hat seine eigenen und seinen Radius an Assoziationen.

Listen ordnen, indem sie sammeln was sonst verstreut, verborgen und nicht miteinbezogen ist. Kartei, Kalender, Katalog, Lexika sind letztlich Listen, ordnend einerseits, öffnend nach Überall andrerseits.

Meine Begegnung mit Sei Shonagon geschah über die Listen. Ich glaube, es war mit Dinge, die sich nicht vergleichen lassen. Das war der Anfang, dieser herausfordernde Satz, den ich als eine Frage an mich ummünzte. Was würde ich aufführen unter Dinge, die sich nicht vergleichen lassen? Als Quellenangabe stand: aus Das Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shonagon. Kopfkissenbuch, da, ein Wort, Klang und Assoziation, aufscheinende Bilder. Was wird einem Kopfkissenbuch anvertraut? Träume der Nacht, solche vom Tag? Ists ein Buch, darauf zu ruhen, ein Kissen, daraus zu lesen?
Sei Shonagon war Schriftstellerin und als solche am Kaiserhof in Kyoto als Hofdame bedienstet. Ihre Lebensdaten 966 bis 1025 fallen in die kulturelle Hochblüte der Heian-Zeit. Ihre Lyrik fand Eingang in die offiziellen Anthologien des Reiches, doch für ihren Nachruhm bis in die heutigen Tage ist ihr Kopfkissenbuch verantwortlich. Ungefähr dreihundert verschiedenlange Texte, entstanden wohl als einzelne lose Blätter, hat sie darin vereint, mit Berichten über das Leben am Kaiserhof einerseits, mit Ausführungen persönlicher Überlegungen und Ansichten andrerseits. Als dritte Art, und ebenso lose immer wieder eingestreut, die Auflistungen. Meist, eigentlich immer, beginnt sie diese Selbstbefragung mit: WAS. Was vom Himmel fällt. Was ich nicht gern habe. Was zu nichts zu gebrauchen ist. Was wunderbar ist.
Thematisch geordnet, jedoch inhaltlich absolut frei und assoziativ ausschweifend listet sie auf: Was Lärm macht. Was nahe, doch fern ist. Was fern, doch nah ist. Manchmal mit Witz und Schalk, dann wieder analytisch scharf, immer intellektuell versiert. Über das Verhältnis zwischen Mann und Frau lässt sie sich aus, benennt den Hochmut der Männer, geisselt, dass die Arbeit der Frauen nicht gewürdigt wird und legt dabei ein feministisches Denken und Fordern an den Tag, das absolut heutiges Format, leider immer noch heutigen Bedarf hat.
Religiöse wie politische Themen nimmt sie auf, psychologische wie soziale, führt aus, handelt ab, öffnet oder ordnet, antwortet im Affekt hier, mit intellektuellem Scharfsinn dort.
Sei Shonagons mit WAS beginnende Titel blieben auf die anfangs erwähnte Art bei mir. Von da an las ich vom Kopfkissenbuch nur noch das Inhaltsverzeichnis, auf der Suche nach den WAS Titeln. Erst nachdem ich meine Einfälle dazu gelistet hatte, schaute ich wieder, was bei Sei Shonagon stand. Durch meine frühere Kopfkissenbuchlektüre wusste ich über ihren Stil und entschied, ihn in gewissem Sinne beizubehalten. Die gedankliche und sprachliche Arbeit war und ist höchst faszinierend. Was nach spontanen Einfällen aussehen mag, entstand vielfach nach langer Suche nach dem exakt Gemeinten, mehrmaligem Verwerfen, neuem Einkreisen, Überprüfen. Was ich nicht mag kann nicht mit Krieg beantwortet werden. Nach dem Verb mögen ist das Wort Krieg absolut fehl, von grundsätzlich anderer Bedeutungs- und Kraftebene. Worte ähnlichen Inhalts, aber unterschiedlicher Graduierung, wie Wichtigtuer/Machthungriger sind versteckte Wiederholungen, meist überflüssig, manchmal aber nötig. Was nach spontanen Einfällen aussehen mag, geschah aber vielfach tatsächlich spontan und wurde mit einem Lächeln der Liste beigefügt.

Durch das Kopfkissenbuch und Sei Shonagon können wir ein Jahrtausend zurücklegen, vom einen zum andern Kontinent springen, durch Kulturen, Philosophien, selbst durch den Kaiserhof im japanischen Kyoto streifen und begegnen schlussendlich unsere hiesige, heutige, persönliche Gegenwart

  Spätnachts

 

„Nimm das Taxi, es ist nachts um vier, da ists zu gefährlich.“

 

Bin trotzdem zu Fuss gegangen.

Habe 17 Minuten dazu gebraucht.

Kein einziger Mensch ist mir begegnet.

Vorbeigefahren sind sieben Autos,

vier von der Polizei, zwei vom Botschaftsschutz, ein leeres Taxi.



Zwüsche de Schtüeu     (Ein Gespräch)
Veröffentlicht in der Brunnezytig, Bern, Märzausgabe 2017  

Urs Frauchiger ist in der Altstadt zuhause und das seit sehr langem, im Zeitbegriff von vielen könnte das auch heissen: seit immer; 1936 in Berns Nähe geboren, später Cellist und zwanzig Jahre Mitglied des Berner Reist-Quartetts, Musikwissenschaftler, Radiostudioleiter bei Radio DRS, Direktor des Konservatorium Bern, Direktor der Kulturstiftung Pro Helvetia und Autor von musikwissenschaftlichen Büchern, belletristischen Werken und Lyrik. Seit zwanzig Jahren freischaffend. Seit diesem Februar nun auch ein Blogger.
Zum Gespräch trafen wir uns in seiner Wohnung im Dach. Endlose Treppen galt es hochzusteigen, Lift gibt’s keinen, dafür die Belohnung, anzukommen an einem Ort, wo allein schon die Wände mit ihren Bildern, die Fenster mit ihrer Sicht, die Bücherregale mit ihren Geschichten erzählen. Wie sollte man ein Interview beginnen? Ist es nicht schade, die anfängliche gegenseitige Mitteilsamkeit mit gezielten Fragen zu kanalisieren? Viel schöner ist‘s doch, einfach zu reden, zu erzählen, zu springen vom einen zum andern und wieder zurück. In der schriftlichen Ausarbeitung habe ich mich weitgehend herausgenommen, um die Erzählungen von Urs Frauchiger nicht zu unterbrechen.

Urs Frauchiger: <In die Altstadt bin ich erstmals als Drittklässler gekommen. Ich bin ja im Emmental aufgewachsen, zumindest damals noch. Als Drittklässler, stellen Sie sich vor, mit dem Zug und dann gleich ins Konsi! Es gab mir einen Rieseneindruck, alles, dieses Haus, diese labyrinthischen Gänge mit den vielen Türen, und hinter jeder kam Musik hervor, hinter jeder wurde geübt, wo ich doch sonst weitherum der Einzige war, der Cello spielte. Den Sandsteinengel aussen an der Fassade hatte ich schon damals bemerkt, aber erst Jahrzehnte später mir wegen seiner Hässlichkeit gewünscht, er möge mal abstürzen. Damals war ich einfach von allem überwältigt.
Ziel dieses Ausflugs, meines ersten Bernbesuchs war eine Lesung im grossen Konsisaal: Ernst Wiechert sollte kommen, dessen Märchen wir in der Schule gelesen hatten und einen Aufsatz darüber  verfassen mussten. Die schönsten davon sollte ausgerechnet ich nach der Lesung dem Herrn Wiechert übergeben. Auf meine bange Frage, wie ich denn das machen und was ich ihm dabei sagen solle, wurde mir geantwortet: <Sag einfach: ‚Das ist für Sie‘ und fertig.> Ich fühlte mich furchtbar. Aber dann hiess es, die Lesung sei abgesagt, der Schriftsteller krank, und mir vielen Steine vom Herzen. Weil wir schon mal in Bern waren, gingen wir dafür ins Casino. Und wer spielte dort? Pierre Fournier, der grosse, noble Cellist! Als Drittklässler habe ich ihn erstmals gehört.>
Was Urs Frauchiger über seine erste Altstadtbegegnung erzählt, es könnte ein Kapitel sein aus seinem Buch damals ganz zuerst am anfang*. Dort, gleich nach dem titelgebenden Carl Spitteler  Gedicht, schreibt er, wie er mit diesem Buch in den Brunnen der Erinnerung hinabsteigen will, ohne Tagebücher, Chroniken oder Internet, nur mich hinsetzen und nichts bemühen als meinen alten Kopf. Von seinen frühen Bubenjahren ist zu lesen, und staunend nimmt man wahr, wie weit weg dieses Emmental gerückt ist, wie weit zurück einen solche Bauern- und Lehrerleben dünken. Sein Vater, der Lehrer, ist kennenzulernen, Freigeist und seinen Gott in den Gottesdiensten beorgelnd in einem, Lehrer, doch wegen seines fortschrittlichen Unterrichtsstils von den Schulkommission beargwöhnt, und vielleicht am meisten Musikliebhaber, Klavierspieler und singender Klavierspieler. Mit der Zeit, als das Radio, aus Bakelit war es, in der Stube stand, auch ein passionierter Hörer. Beethoven, Haydn, die ‚Jahreszeiten‘ und dann <… brach ein Ton aus dem Radio, ein Strahl aus Klang. Reine Sonnenenergie fiel ein. Das war der Erzengel, und er brachte mehr als eine gute neue Mär – was brachte er denn? <die Wahrheit>, hörte ich Vater flüstern: <Casals. Das ist jetzt Casals.>
Und wenn ich alles vergessen habe, was ich euch da erzähle, das werde ich nie vergessen.>
Casals, der Cellist aller Cellisten!

<Später, wir wohnten mittlerweile in Jegenstorf und ich besuchte zuerst den Proger, dann den Gymer, pilgerte ich, ja pilgerte ich an die Junkerngasse, wo mein Cellolehrer Rolf Looser wohnte. Wieder später dann kam unsere Zeit am Läuferplatz, die Wohnung dort im Eckhaus, in den Sechzigerjahren.
Die Sechzigerjahre, die legendären! Die hohe Zeit der Kleinkunst auf den Kellerbühnen, Mani Matter sowieso, aber auch solches wie Hermann Gattikers Konzertreihen, unter anderem hier im Chlapperläubli am Nydeggstalden, wo zeitgenössische Musik aufgeführt und diskutiert wurde, Avantgarde der ersten Stunde. Und Szeemann hatten wir hier in Bern, Christo, der die Kunsthalle verpackte. Diese Zeit war einmalig, so etwas kommt nicht zurück.

Gestern ist Kurt Marti gestorben. Er hat sich den Tod so gewünscht.
Als ich ihn vor einiger Zeit fragte, ob er noch schreibe, sagte er lächelnd:
 „Es chunnt mer nüt meh i Sinn“.
Beten wir, dass er zu seinem Gott findet.
Blogeintrag vom 12.2.2017

Ja, dann wurde ich ans Konsi berufen und ging also im Haus an der Kramgasse mit dem hässlichen Engel an der Fassade ein und aus, hatte mich um die Ringhörigkeit und den sich daraus ergebenden Probleme der Zimmerbelegung zu kümmern und um die Vorbereitung der Hochschulreform gemäss Bologna, die Teilung in Musikschule Konservatorium und Hochschule der Künste, Fachbereich Musik.

Pisa. Bologna. – Warum werden neue Strategien im Bildungsbereich
gern nach Städten mit schiefen Türmen benannt?
Blogeintrag vom 4.2.2017

Dann kamen die Jahre in Zürich und meine Arbeit für die Pro Helvetia. Ich schätzte die Nähe zum Flughafen, zu meinem Verleger. Meine Tätigkeit erforderte natürlich viele Reisen, auch als Juror internationaler Musikwettbewerbe. Dass ich nachher Zürich verlassen und zurück nach Bern wollte, haben viele nicht begriffen. Aber Bern hat drei internationale Flughäfen, die alle ungefähr innerhalb einer Stunde erreichbar sind! Ich sage oft: Bern ist ideal zum Wegfahren. In aller Liebe und im Sinn: Bern ist ideal zum wieder Heimkommen.
Und Bern bietet, wie kaum sonst wo, wahnsinnige Spaziergänge und Ausflüge. Wo kann man binnen einer Stunde Wegfahrt in vollkommen verschiedene Landschaften gelangen? Der Jura – das Emmental, der Mont Vully – der Napf, das Seeland – das Oberland sind doch je unvergleichlich.
Natürlich der Rosengarten hier in der Stadt, der ist mir schon etwas vom Liebsten. Sehr oft führt mich mein täglicher Spaziergang dort hinauf, morgens meist, denn das ist meine Zeit. Der Sicht wegen und auch der drei Birken wegen.>
Urs Frauchiger sagt‘s so einfach – ‚auch der drei Birken wegen‘ – aber es tönt, als wär‘s eine Zeile eines Gedichts, es könnte sogar auch das ganze schon sein. Die drei Birken sind da nicht mehr gewöhnliche drei Bäume, eben haben sie sich in diesem kleinen Satz zur Metapher verwandelt.
Gedicht und, weiter gefasst, Poesie sind seit eh ein bedeutender und bedeutsamer Teil in Urs Frauchigers Leben. Auch dazu ist zu lesen in damals ganz zuerst am anfang, wie das Kind, das meinen Namen trug, Worten nachhorchte, einzelnen wie beispielsweise Schweinehund, an dem es hängenblieb, als der Vater vom Überwindenmüssen des inneren Schweinehundes sprach. Was das sein mochte, ein Schweinehund? Vielleicht so etwas wie ein Maulesel, eine Kreuzung, wie die Bauern sagten. Die Maultiere könnten sich nicht fortpflanzen, man müsse sie jedesmal neu kreuzen, behauptete der Vater. (<Was geht das den Kleinen an, ob die sich fortpflanzen können>, giftelte die Mutter.) Ich fragte nach der Schule den Vater, was ein Schweinehund sei. <Abah, das verstehst du nicht, das ist eine Metapher.>
<Was ist eine Metapher?>
<Frag doch nicht Sachen, die du nicht verstehst, eine Metapher ist, wenn man etwas sagt und etwas anderes meint, basta.>
Ein ausdauernder Leser von Gedichten sei er seit mittlerweile mehr als 75 Jahren, bekennt er im Buch Kennst du das Gedicht, und nimmt auch da wieder Bezug auf den ‚Gedichtband für die Primarschule‘, den er auf dem Lehrerpult seines Vater aufschnappte. Mit Gedichten lebe Urs Frauchiger gleichsam unter einem Dach, schreibt Erwin Messmer, selbst Lyriker und Organist im Vorwort ihres gemeinsamen Dialoges im erwähnten Buch. Für mich war dieses Gedicht (Mörikes Denk‘ es, o Seele, aber davon nur die zweite Strophe, weil nur das ‚mein Gedicht‘ ist) einfach immer da (…) ich brauchte es mir nicht herzusagen, es tönte von selbst. Als junger Musiklehrer hatte ich mit meinen Seminaristinnen das Mörike-Chorliederbuch erarbeitet, keine kongeniale Vertonung, aber nach einem halben Jahrhundert klingen sie plötzlich von weit her, spinnen sich weiter, ‚zersingen‘ sich.

Dass es Worte von solcher Kostbarkeit geben konnte und eine Musik, die diese teure Last trug – versteht ihr jetzt, warum ich mich mein Leben lang nicht entscheiden konnte zwischen der Musik und dem Wort, auch wenn man das in einer Epoche der Spezialisierung nicht durfte und auch nicht konnte?

Wären wir im Film, dann gäbe es hier einen Schnitt. Bis da sind wir im erzählenden Gespräch, jetzt
machen wir einen abrupten Wechsel. ‚Machen Sie mit? Frage – Antwort, kurz und schnell, ein Spiel, Pingpong.

Uf: Legen wir los!
Ig: Herr Frauchiger, lieben Sie Fasnacht?
Uf: Nein.
Ig: Lieben Sie die Fasnacht in Bern?
Uf: Nein, da bin ich mal weg.
Würden Sie sie vermissen, wenn sie abgeschafft würde?
Vielleicht, das weiss man erst im Nachhinein.
Buskers?
Mag ich, unverstärkt.
Freut es Sie, wenn die Tour de France Ihren Stalden hochtourt?
Jedenfalls hats mich nicht gestört. Kommt dazu: Ich habe die Zeit von Kübler und Koblet, den beiden legendären Rennfahrern miterlebt, bin selbst mit dem Velo über die Alpenpässe gefahren, habe mich dabei als Kübler-Koblet gefühlt. Wenn ich die Tour de France da sehe, bin ich wieder dort.
Ärgert es Sie, wenn zu diesem Anlas so viele Zuschauer an Ihrem Stalden stehen?
Nein. Aber natürlich bin ich ärgerlich, wenn ich von Securitas beim Heimgehen aufgehalten werde. Aber mehr nicht, sonst dürfte ich nicht hier wohnen wollen.
Finden Sie Gefallen daran, dass die Altstadt häufig zur Bühne solcher Events wird?
Mein Gefallen spielt keine Rolle und selbst gehe ich nicht viel an Veranstaltungen dieser Art, da bin ich irgendwie rausgewachsen.
Finden Sie, dadurch verkommt die Altstadt zur blossen Staffage?
Das hängt von uns Bewohnern ab. Bis jetzt ist sie es nicht geworden.
Sind Sie stolz, dass die Altstadt touristisch stark aufgewertet wurde?
Stolz nicht. Von etwas müssen die Berner ja leben.
Was mögen Sie nicht an Bern?
Die Lokalpolitik ist das Furchtbarste, diese Unfähigkeit, Übel zu hinterfragen, dieser Mangel an Selbstreflexion, die zur Selbstkritik führen sollte.
Und solche Ideen wie zum Rosengarten hinauf einen Lift, noch schlimmer ein Bähnli bauen zu wollen, nicht das Geringste spricht dafür. Wenn das käme, da würde auch ich auf die Barrikaden steigen.
Was würden Sie Bernbesuchern von Bern zeigen?
Nichts und alles. Ich gehe mit ihnen durch die Stadt.
Wo stehen Sie?
Zwischen den Stühlen. Nicht im opportunistischen Sinn, sondern: im Nicht-Entschiedenen, nicht Puristischen, in der Zwischenwelt von Hier und Dort.
Hat Bern etwas Einmaliges?
Ja.
Lieben Sie es, in der Altstadt zu wohnen?
Jaja, sonst wäre ich nicht da!

(*Kursiv sind Zitate aus Urs Frauchigers Büchern: damals ganz zuerst am anfang (2010), Kennst du das Gedicht(2015) und aus dem Blog www.urs-frauchiger.ch, im Pingponginterview die Antworten.)

Prosagedichte/Gedichte

In Wien
klingeln die Handys mit Mozarts <alla turca>,
klingeln sie mit Beethovens <Für Elise>.
Die Türken vor Wien und Elise als die Mona Lisa der Musik.
<Für Elise>, was aus all den Klavierstunden der Jugendjahre jeweils noch bleibt,
drei e, zwei dis am Anfang, schön im Wechsel e dis e dis e,
danach weiss jeder was kommt:
56 e, 11 dis, 28 a, 17 c, 6 gis, 1-2 andere noch: <Für Elise>.
Beim Doppelstrich in der zweiten Zeile geht auch der Klingelton in die Repetitionsschlaufe.
Beethoven, Mozart und a-moll muss es sein,
keiner lässt sich rufen mit Schönbergs <Verklärte Nacht>,
auch in Wien nicht,
mit Elise schon und alla turca.

(Aufgenommen in der Anthologie 'Ausgewählte Werke 2016' der Bibliothek deutsprachiger Gedichte)


Warten
Auf Bedienung im Café
Warten auf den nächsten Termin
Warten auf die sms
Auf den richtigen Moment
Warten bis das Konzert fertig ist
Warten bis Feierabend und
Auf das Kind, das sein Essen will
Warten bis du gehst
Warten bis du kommst
Auf Post mit dem guten Bescheid
Warten bis es wärmer wird
Warten auf ein Glück
Auf den Schlaf
Warten bis das erledigt ist
Warten auf den Zug
Auf die Antwort
Warten auf Liebe
Auf die Flügel, die sie manchmal verschenkt
Warten bis die Welt vergessen geht
Warten wieder aufs Glück

(aus: Augustos Füsse - Erzählungen, Lyrik, Prosagedichte, 2016)


Div. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (Dichter Innenteil Augustin, Wien u.a.), in Anthologien der Bibliothek deutschsprachiger Gedichte, der Lyrikanthologie 'Melancholie' des Aurora Verlages und der Lyrikanthologie der Brentano Gesellschaft, Frankfurt.